Der Gesundheitskapitän Dr. med. Frederik Paulsen, 1909-1997
Ein Fering, der seiner Zeit voraus war
Von Föhr stammten die Vorfahren von Friedrich Paulsen, der am 31. Juli 1909 in Dagebüll als Sohn von Keike und Otto Paulsen geboren wurde. Otto Paulsen war Vorsteher des Postamts von Dagebüll. Obwohl er nicht auf der Insel geboren wurde, hatte er schon seit frühester Kindheit eine enge Beziehung zur Insel Föhr. Zum einen stammten seine Eltern von dort, zum anderen war in dem Postgebäude in Dagebüll, in dem sein Vater tätig war, stets ein reger Durchreiseverkehr von Föhrer Bürgern, und nirgendwo hat er so viel Fering, die friesische Sprache der Bewohner von Föhr, gehört, wie dort.
Bekannter Vorfahr war z.B. der Kapitän Paul Nickels Paulsen (1812-1882), der während seiner ganzen Seefahrt der Sloman-Reederei in Hamburg die Treue hielt. Zu den Walfängern der von Hamburg aus fahrenden Commandeure gehörte sein Vorfahr Friedrich Paulsen, der beginnend ab 1733 19 Wahlfangfahrten unternahm und damit zu den führenden Walfängern der Insel gehörte. Auch sonnst ist die Familie Paulsen gut auf Föhr verankert: Ab dem 15. Jhd. betrieben die Paulsens die Mühle in Borgsum auf Föhr über Generationen. Diese Mühle existiert noch heute als Nachbau, den Friedrichs Bruder Otto Paulsen initiert hat und der heute viele Postkarten von der Insel ziert. Die Mühle befindet sich weiterhin im Familienbesitz.
Um Friedrich und seinen 5 Geschwistern eine akademische Laufbahn zu ermöglichen, zog die Familie 1917 nach Kiel, wo er das Gymnasium besuchte. Kennzeichnend war, daß man ihn generell mit einem Buch antraf. Seine Lehrer beschrieben ihn als unabhängigen Denker. Auf Anraten seines Vaters, der für ihn wegen seiner politischen Einstellung schon Probleme voraussah, nahm er 1928 ein Medizinstudium auf, obwohl es seinen eigentlichen Interessen in Philosophie, Geschichte und Literatur entgegenstand.
Paulsen verfasste seine Dissertation 1933 an der Universitätsfrauenklinik Kiel, wurde aber vor seinem Abschlussexamen von der Gestapo verhaftet, da er Protestschriften gegen die Ermordung eines Kieler Sozialdemokraten im März 1933 verteilt hatte. Er bezeichnete dies als "einen der ersten Morde, der vom Hitler-Regime organisiert wurde". Aus diesem Grund verbrachte er den Großteil der folgenden zwei Jahre im Gefängnis. Während seiner achtzehnmonatigen Gefängniszeit entwickelte er eine enge Beziehung zu einem Landsmann von der Insel Amrum. Beide unterhielten sich auf Friesisch, so daß man sie nicht verstehen konnte. Die mögliche Funktion des Friesischen als eine Geheimsprache war für Frederik Paulsen eine wichtige Erfahrung.
1935 verhalf ihm seine Familie vor der drohenden Einweisung in ein Konzentrationslager zur Flucht. Paulsen floh zuerst in die Schweiz, wo er rasch die noch fehlenden Abschlussprüfungen absolvierte; im gleichen Jahr, an seinem 26. Geburtstag, traf er als Dr. Friedrich Paulsen in Schweden ein. Hier änderte er seinen Vornamen bald in Frederik.
Der Schwerpunkt von Dr. Paulsens Leben verlagerte sich nun in die medizinische und wissenschaftliche Forschung. Trotz seiner Notlage als Flüchtling fand er Arbeit am Hormon-Forschungsinstitut der Organon, einem holländischem Institut, und eine "offizielle" Anstellung bei Pharmacia, einem jungen schwedischen Unternehmen.
Dr. Paulsen gewann allmählich die Anerkennung seiner schwedischen Kollegen und wurde ordentlicher Dozent an der Universität Lund. Seine Verbindung mit Anders Grönwall bei Lund führte zur Entwicklung des Blutplasma-Ersatzes Dextran für die Pharmacia. Durch den Krieg war die Nachfrage nach Dextran so groß, dass es Pharmacia zu internationalem Ruhm verhalf.
In den 40er Jahren kehrte Dr. Paulsen der überlaufenen Hormonforschung den Rücken und konzentrierte sich auf Peptidhormone. Peptide sind komplexe Moleküle aus Aminosäuren, die in fast allen Organsystemen des Körpers eine Rolle spielen. Ihr therapeutisches Potenzial weckte Hoffnung auf neue, wirksamere Behandlungen eines breiten Spektrums von Krankheiten.
Peptide hatten jedoch keinen kommerziellen Wert, bis 1948 zwei amerikanische Forscher das hypophysäre Stresshormon ACTH entdeckten, das eine dramatische therapeutische Wirkung auf Asthma und Arthritis zeigte. Dr. Paulsen und seiner Forschungsassistentin Eva Frandsen gelang es, ACTH kommerziell zu produzieren, indem sie es aus der Hypophyse von Schweinen extrahierten. Damals arbeiteten sie in ihrem Kellerlabor im Biochemischen Institut Stockholm.
Dr. Paulsen bot seine Erfahrung mit ACTH verschiedenen großen pharmazeutischen Firmen an, stieß jedoch überall auf Ablehnung. So wagte der Vater von sechs Kindern 1950 mit nur äußerst geringem Einstiegskapital die Gründung seiner eigenen Firma, der Nordiska Hormonlaboratoriet Aktiebolag, die er später in FERRING umbenannte. Anfangs war FERRING in hohem Maße von der Zusammenarbeit mit Schlachthöfen besonders in Dänemark und Schweden abhängig, um ACTH vom Schwein zu produzieren. Paulsens enge Kontakte mit anderen Forschern, insbesondere Dr. Lars Karlsson aus Lund, verhalfen FERRING schließlich zum Durchbruch mit der Entwicklung von synthetischen Peptid-Hormonen.
Die synthetische Produktion von Peptiden nach genauen technischen Vorgaben machte FERRING mit einem Schlag unter Pharmazeuten weltbekannt. Die weitere Forschung führte in den frühen 70er Jahren zur Entdeckung des antidiuretischen Wirkstoffs Desmopressin. Zunächst wurde es zur Behandlung der seltenen Krankheit Diabetes insipidus entwickelt, die extrem häufiges Urinieren verursacht. Dann aber erwies sich Desmopressin als wirksame Behandlung der Enuresis nocturna (Bettnässen bei Kindern und vereinzelt auch bei Erwachsenen). Desmopressinhaltige Arzneimittel wurden bald zu FERRINGs Flaggschiff und bestem Umsatzträger, der bis heute weiter wächst. Dem Erfolg von FERRING mit Desmopressin folgte ein anderer kommerzieller Durchbruch: Mesalazin, ein wichtiger Wirkstoff zur Behandlung chronisch entzündlicher Darmerkrankungen.
Zu dieser Zeit zog sich der mittlerweile 60jährige Dr. Paulsen mehr und mehr aus dem Tagesgeschäft der FERRING Pharmaceuticals zurück und übergab das FERRING -Management stufenweise seinem jüngsten Sohn Frederik. Mit seiner früheren Forschungsassistentin und seit 1958 zweiten Frau Eva zog Dr. Frederik Paulsen ins Paulsen-Familienhaus auf Föhr, wo sie überaus aktiv blieben und FERRING zur weiteren intensiven Forschung in verschiedenen therapeutischenGebieten der Medizin inspirierten. Jungen Forschern gegenüber fasste Paulsen seine Erfahrung so zusammen: " Es ist oft profitabler, ohne Gedanken an eventuelle Gewinne an einer wissenschaftlichen Aufgabe zu arbeiten, als nach etwas zu suchen, was Geld bringen kann. Zielgerichtete Forschung ist bemerkenswert unproduktiv. Wirkliche Resultate erzielt man teils durch glücklichen Zufall und teils durch wissenschaftliche Arbeit, die das Interesse anderer Wissenschaftler erregt."
Beim Aufbau dieser Lebensleistung ging niemals der Kontakt zu seiner Heimat Föhr verloren. Dr. Paulsen engagierte sich nach dem 2. Weltkrieg noch stärker in der friesischen Bewegung. Frederik Paulsen hatte angefangen mit Menschen aus den drei Frieslanden Kontakt aufzunehmen und baute diese Beziehungen kontinuierlich aus. Zunehmend wurde er zu einem Sprecher der Nordfriesen und zu einem internationalen Vermittler bei Minderheitenfragen. Eine wichtige Basis für die nordfriesische Kulturarbeit wurde 1948 mit der Gründung des Nordfriesischen Instituts geschaffen, zu dessen Initiatoren auch Frederik Paulsen zählte. Mit der Gründung der Ferring-Stiftung 1988 in Alkersum hat er für die Insel Föhr und alle Nordfriesen eine Institution geschaffen, die auf einem gesicherten wirtschaftlichen Fundament hilft, die eigene Sprache und Kultur zu bewahren und Zukunftswerkstatt für seine Heimatinsel zu sein. Zukunft braucht Vergangenheit.
Dr. Frederik Paulsen starb 1997 im Alter von 87 Jahren in seinem Haus auf Föhr.
(Quellen: www.ferring.com, www.ferring-stiftung.net, www.fuen.org)
Professor Dr. med. Carl Schirren hat die medizinhistorische Dissertation über Dr. med. Frederik Paulsen von Föhr in Gang gesetzt und als Doktorvater der Ärztin Olga Freiin von Nordenflycht betreut. Gemeinsam haben beide die Biographie und Lebenserinnerungen des Dozenten Dr. med. Frederik Paulsen 2008 im Wachtholtz Verlag unter dem Titel "Frederik Paulsen Unternehmer - Forscher - Föhringer Weltbürger" als Buch veröffentlicht - ISBN: 3 529 02890 8.
Medizinhistorische Dissertation über Dr. med. Frederik Paulsen (5,1 MB)Persönliche Erinnerungen Dr. med. Frederik Paulsen - Kindertage (171 KB)Persönliche Erinnerungen Dr. med. Frederik Paulsen - Studentenjahre (71 KB)Persönliche Erinnerungen Dr. med. Frederik Paulsen - Hitlers Machtergreifung (183 KB)Persönliche Erinnerungen Dr. med. Frederik Paulsen - Basel (106 KB)Persönliche Erinnerungen Dr. med. Frederik Paulsen - Schweden (271 KB)
